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Janis Matheja in der fairTEiLBAR

Interview mit Janis Matheja, fairTEiLBAR

Mit ihrem Laden „fairTEilBAR“ in Münster hat Janis Matheja einen besonders nachhaltigen Ort geschaffen. Denn die fairTEilBAR verkauft ausschließlich noch genießbare Lebensmittel, die ansonsten im Müll gelandet wären. Man kann die Lebensmittel nach dem Prinzip „Zahl, was es Dir wert ist“ einkaufen.

Darüber hinaus bietet das Team Workshops und Veranstaltungen an, in denen es um die Themen „Lebensmittelverschwendung“ und „nachhaltige Ernährung“ geht. Und engagiert sich in der Bildungsarbeit und verarbeitet die geretteten Lebensmittel teilweise in der ladeneigenen Manufaktur, um die Haltbarkeit zu erhöhen, zum Beispiel als Saft oder Marmelade. Das Konzept überzeugte auch im Finale der Roadshow „NEUE GRÜNDERZEIT NRW" 2020: Janis Matheja gewann mit ihrer „fairTEilBAR“ den Hauptpreis.

Wie kam es zu Deiner Gründung?

Janis Matheja: Lebensmittelrettung und die damit verknüpften sozialen Fragen zur Verteilung von Lebensmitteln beschäftigen mich schon, seit ich vor sechs Jahren nach Münster gezogen bin. Gestartet bin ich tatsächlich ganz klassisch mit Containern, der Blick in die vollen Tonnen der Lebensmittelgeschäfte hat mich dazu gebracht, nicht nur für mich, sondern im organisierten Rahmen Lebensmittel zu retten und auch das Wissen um die enorme Lebensmittelverschwendung in Deutschland weiterzugeben. In Münster gibt es, wie in vielen Städten Deutschlands, die Initiative „foodsharing“. foodsharing hat mir im Bereich der Lebensmittelrettung einen breiten Erfahrungsaufbau ermöglicht: Kooperationspartner*innen ansprechen, Retter*innen-Teams koordinieren und dann plötzlich das „Problem“: zu viele gerettete Lebensmittel – wohin damit? Damit habe ich in Münster den ersten Fairteiler-Laden auf Zeit geöffnet.

Mit diesen Erfahrungen im Gepäck haben wir, zu Beginn ein Team aus fünf Gründerinnen, vor fast drei Jahren ein Team gegründet mit dem Ziel, ein Ladenlokal gefüllt mit geretteten Lebensmitteln zu eröffnen – die fairTEiLBAR.

Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert?

Janis Matheja: Ich habe mir und meinen Beziehungen viel abverlangt. Zeit ist ein wertvolles Gut in der Gründungszeit! Wichtig war dabei für mich bereits im Vorfeld, mit meinen Freund*innen und meiner Familie über die Gründungszeit zu sprechen. Von selbst organisierten Kuchensonntagen, um alle meine Freund*innen gleichzeitig zu sehen, bis hin zu Besuchen meiner Eltern, die – wie sie immer gesagt haben – „ehrenamtlich meine Wohnung putzen“ und damit ihren Beitrag zur fairTEiLBAR leisteten, war vieles dabei. Meine Wohnung zu putzen, schaffe ich übrigens jetzt wieder selbst.

Kisten mit verschiedenen Sorten Gemüse

Was waren Deine ersten Schritte – von der Idee bis zur Gründung?

Janis Matheja: Gefesselt am Konzept und der Idee der fairTEiLBAR haben mich die vielen Dimensionen. Es geht nicht nur um Lebensmittelrettung, die Umwelt und einen Lifestyle. Dass Lebensmittel entsorgt werden, hat nicht nur eine enorme Auswirkung auf die Klimakrise, sondern zeigt auch, wie wir es – als Gesellschaft – „geschafft“ haben, die Augen vor den Problemen anderer zu verschließen. Um auch die sozialen Ungerechtigkeiten wieder in das Bewusstsein der Menschen zu holen und diesen im Rahmen unserer Möglichkeiten entgegenzuwirken, sind wir mit dem Geschäftsmodell „Pay, what you feel!“ („Zahl, was es Dir wert ist!“) einen extremen Schritt gegangen.

Wir haben uns vom klassischen Unternehmertum entfernt und sind in die Welt des Sozialunternehmens eingetreten. Das musste natürlich erst einmal erprobt werden und ist zu Beginn durchaus auch auf einiges Unverständnis gestoßen. So ein innovatives Konzept bedarf vieler Erklärungen. Über ein Jahr lang haben wir mit Pop-ups in Münster auf Straßenfestivals, Nachhaltigkeit-Events und Messen ausprobiert, wie Menschen auf diese Idee reagieren und ob wir sie von unserem Konzept überzeugen können. Das heißt selbstverständlich auch, dass wir uns nach den Pop-ups mit den Rückmeldungen auseinandergesetzt haben und in einem gemeinsamen Evaluationsprozess das Konzept ausgefeilt haben. So haben sich die verschiedenen Bereiche der fairTEiLBAR immer weiter herauskristallisiert.

Der Laden wird abgerundet mit Produkten aus unserer hauseigenen Manufaktur. Mit dieser haben wir nun die Möglichkeit, auf sehr reife Lebensmittel und Lebensmittel in großen Mengen zu reagieren und diese haltbar zu machen. Dieser Prozess erfordert natürlich weitere Aufwendungen von uns: Zeit, Wissen und finanzielle Ressourcen, so dass wir unsere Manufaktur-Produkte als einzige Lebensmittel im Laden zu einem Festpreis anbieten.

Welche Unterstützung hast Du in Deinem Gründungsprozess erhalten?

Janis Matheja: In Münster haben wir sehr viel Unterstützung erhalten: Als wir im Vorfeld, nur mit einer Idee und ein paar Pop-up-Ständen, unterwegs waren, haben wir von der Stadt Münster einen Umweltpreis gewonnen, einen eigens für uns neu entwickelten Förderpreis. Ebenfalls durch die Stadt Münster haben wir die Auszeichnung „Münster – Vielfalt machen“ erhalten.

Bei unserer Crowdfunding-Kampagne für unsere Ladeneröffnung haben mehr als 500 Unterstützer*innen teilgenommen, fast 30.000 Euro gespendet sowie Dankeschöns gekauft und gemeinsam so die Vision möglich gemacht.

Welche Rolle haben die STARTERCENTER NRW dabei gespielt?

Janis Matheja: Bereits vor unserer Eröffnung, im Sommer 2019, sind wir über unseren Kontakt mit der Wirtschaftsförderung Münster auf die Pitch-Veranstaltung „Neue Gründerzeit“ in Münster vom STARTERCENTER NRW hingewiesen worden. Dort wurden wir sowohl mit dem Publikumsaward ausgezeichnet als auch als Gewinner aus Münster in die nächste Runde nach Düsseldorf geschickt. Auch in Düsseldorf konnten wir das Publikum überzeugen und den Gewinn von 5.000 Euro mit nach Hause nehmen.

An dieser Stelle richte ich mich an all die Menschen, die nicht den klassischen Unternehmer*innen entsprechen: Traut Euch! Sprecht über Eure Ideen und vernetzt Euch!

- Janis Matheja

Was würdest Du jemandem raten, der gerne gründen würde, sich aber bislang noch nicht getraut hat?

Janis Matheja: Traut Euch! Sprecht über Eure Ideen und vernetzt Euch. Ich bin überhaupt nicht die Unternehmerin schlechthin. Was mich treibt, ist der soziale Wandel, dessen Vorankommen wir mit der fairTEiLBAR unterstützen möchten. Ich strebe nicht nach möglichst viel Gewinn auf Kosten anderer.

Was mir in der Gründungsszene in NRW fehlt, sind all die, denen nachgesagt wird, sie seien nicht stark genug oder zu jung. Das Konzept der fairTEiLBAR ist noch lange nicht fertig, aber es wird von wahnsinnig vielen überzeugten Menschen mit Idealismus getragen und weiterentwickelt. Findet Verbündete, findet Menschen, die genauso verrückt sind wie ihr und werdet zusammen mutig. Seid offen, seid ehrlich, gebt Fehler und Nicht-Können zu. Ich hatte zum Beispiel herzlich wenig Ahnung von Buchhaltung und habe es mir nicht zugetraut, ein Team zu leiten.

An dieser Stelle richte ich mich an all die Menschen, die nicht den klassischen Unternehmer*innen entsprechen. Ich möchte diejenigen ermutigen, die in ihrer Entwicklung und Sozialisierung nicht unbedingt bestärkt wurden; diejenigen ansprechen, die sich nicht trauen, mit ihren Ideen an die Öffentlichkeit zu gehen.

Vielen von uns wird als Kindern/Jugendlichen beigebracht, uns zu sorgen. Wenn uns etwas passiert, wird gesagt, wir sollen besser aufpassen. Wir werden aufgefordert, empathisch zu sein. Was wir nicht unbedingt lernen, ist das Finden und Gehen neuer Wege, trotz Fehlversuchen. Stattdessen mehr auf uns selbst statt auf andere zu achten und uns in unsere Karten schauen zu lassen, transparenter zu sein. Und leider ist es so, dass dem Charakter „Gründergeist“ die letztgenannten Eigenschaften eher nicht zugeschrieben werden.

Deswegen wählen Erstgenannte viel häufiger Berufe in den Bereichen Umwelt und Soziales. Und dabei fehlen genau diese Menschen in der Gründungsszene, die sich um ihre Mitarbeiter*innen und unsere Umwelt sorgen, Fehler eingestehen können, nicht auf ihrer Vision beharren, sondern im Austausch sind, eher auf Kooperation statt auf Konkurrenz setzen.

Welche Veränderungen hat Dein Unternehmen in Zeiten der Corona-Krise erfahren? Musste das Geschäftsmodell in Folge von Corona angepasst werden?

Janis Matheja: Wir hatten Glück, dass die fairTEiLBAR als Lebensmittelgeschäft geöffnet bleiben durfte, als Versorger konnten wir in unseren Strukturen so weitermachen, in dem wir adäquat reagiert und unser Sicherheitssetting angepasst haben. Es wird häufiger desinfiziert, unsere Kund*innen treffen sich jetzt in der Schlange vor dem Laden und nicht mehr im Laden und unsere Workshops finden auch mal online statt. Aber wir mussten uns nicht damit beschäftigen, unser Konzept neu zu denken und anzupassen an die Krise.

Hast Du Unterstützungsmaßnahmen für von der Corona-Krise betroffene Unternehmen, wie die NRW-Soforthilfe, beantragt? Inwieweit haben Dir diese Unterstützungsmaßnahmen geholfen?

Janis Matheja: Für uns kam die NRW-Soforthilfe nicht in Frage. Als Lebensmittelgeschäft hatten wir während des gesamten ersten Lockdowns geöffnet. Unsere Öffnungszeiten haben sich etwas verändert, da die Nachfrage sich auf den Vormittag und frühen Nachmittag konzentrierte.

Wir konnten tatsächlich durch Corona auch positive Entwicklungen beobachten: Essen muss man immer und plötzlich war außer Haus essen nicht mehr angesagt. Wir wurden nicht nur zum Einkaufsevent, sondern gaben Kochtipps und überzeugten, Neues auszuprobieren.

Du bist die Gewinnerin der Roadshow „NEUE GRÜNDERZEIT NRW 2020“. Was planst Du, mit dem Gewinn von 5.000 Euro zu unternehmen?

Janis Matheja: Nicht ich bin die Gewinnerin, sondern das Team und die Idee der fairTEiLBAR haben gewonnen. Und da geht es auch direkt mit weiter. Die fairTEiLBAR wird gerade von unglaublich engagierten Menschen getragen. Wir wollen im nächsten Jahr ermöglichen, dass die Idee weiterentwickelt wird. Und zwar mit Bildungsarbeit. Im Team sind bereits zwei Mitarbeiterinnen, die aktuell an verschiedenen Workshop-Formaten arbeiten. Unter anderem soll es gelingen, dass die fairTEiLBAR auch bald bei Euch in der Schule oder gemeinsam in der Küche oder auf dem Acker aktiv wird.

Och, und ein Lastenrad wäre auch nicht schlecht.

Was ist Deine Vision für die Fairteilbar?

Janis Matheja: Natürlich wollen wir wachsen, aber nicht aus dem Grund der Gewinnmaximierung, sondern damit wir mehr Lebensmittel retten und noch mehr Menschen für das Thema Lebensmittelverschwendung sensibilisieren können. Die Arbeit der fairTEiLBAR besteht aus unglaublich viel Care-Arbeit. Im Moment können nur sehr wenige Menschen bezahlt werden, geschweige denn davon leben. Wir wünschen uns, dass auch diese Arbeit, die in den Augen vieler als weniger wertvoll angesehen wird, wertgeschätzt und vor allem adäquat bezahlt wird. Im Moment arbeiten wir als Team daran, Stellen zu definieren. Unser Ziel ist es also, mehr Menschen bezahlte Arbeit in der fairTEiLBAR zu ermöglichen. Außerdem gibt es noch viel mehr wertvolle Lebensmittel zu retten, als wir es aktuell tun können. Wir setzen dabei auf Zusammenarbeit und Kooperation anstatt auf Konkurrenz.

Das Erschließen neuer Märkte klingt immer so gut, und das haben wir von Anfang an auch mitgedacht. Wir müssen und möchten alle Menschen ansprechen und mitnehmen auf den Zug „Lebensmittel retten“. Denn wenn nur der Teil in der Gesellschaft, der sich gerade schon mit Umwelt- und Klimafragen beschäftigt, auch zu uns kommt, dann können wir nicht so viel erreichen, unseren Wirkungskreis nicht erweitern. Mit der Klimakrise ist nicht zu spaßen. Nur wenn alle Menschen gemeinsam an einem Strang ziehen, ist diese Aufgabe eventuell zu schaffen. Mit unserem Bezahlkonzept „Zahl, was es Dir wert ist!“ erreichen wir zwei Ziele: Erstens sind alle Kund*innen bei uns an der Kasse dazu eingeladen, sich mit Lebensmitteln intensiver auseinanderzusetzen und entscheiden in diesem Prozess, was ihnen ihr Einkauf wert ist. Und zweitens erreichen wir auch die Menschen, die nicht primär aus einem Nachhaltigkeitsgedanken bei uns einkaufen, sondern zu den weniger privilegierten Menschen gehören, die möglicherweise monatlich schauen müssen, wie sie über die Runden kommen. Schließlich können viele von uns im Laufe ihres Lebens mal in eine finanziell schwierigere Lage kommen – sei es im Studium, in der Rente oder als Alleinerziehende*r.

Ausblick

Janis Matheja und ihr Team vor der fairTEiLBAR

Janis Matheja und ihr Team versuchen mit dem Konzept der fairTEiLBAR, es allen Menschen zu ermöglichen, einen Beitrag zum nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt zu leisten, denn sich mit Fragen der Umwelt oder des Klimawandels zu beschäftigen, ist ein Privileg. Teammitglieder v.l.n.r.: Merle Lüking (ehemalige Praktikantin, ehrenamtliche Mitarbeiterin), Anke Stauch (Mitarbeiterin), Katrin Hiemenz (ehrenamtliche Mitarbeiterin), Mona Doods (Praktikantin), Janis Matheja (Inhaberin), Jovana Boysen (ehrenamtliche Mitarbeiterin)

Alle Bilder © MWIDE NRW/Holger Lückerath